Vom Wesen der Stimmung

Auszug aus unserer Schrift "Wesenszüge und Pflege des Pianos"

In jedem Handwerk und in jeder Kunst können wir Werke vorfinden, die sich vom geringsten bis zum höchsten erstrecken. Zweifelsohne gilt das Klavier- und Flügelstimmen als eine Kunst, und so wird man auch hier ganz unterschiedliche Grade der Vollendung erleben. Eine im höchsten Sinne erarbeitete Klavierstimmung kann dann nicht mehr nur als technischer Vorgang gelten, sie wird vielmehr selbst zu einem musikalischen Werk. Es ist die Kunst des Stimmers, das Instrument vom „Tönen“ zum „Klingen“ zu bringen. Diese Kunst wird dem Pianisten bei jedem einzelnen Ton, den er spielt, zur Seite stehen, wird ihn unterstützen und die Musik bereichern, noch lange, nachdem der Stimmer seine Arbeit getan hat. Er gibt dem Pianisten gleichsam die Seele des Klanges mit auf den Weg, er verschafft dem Instrument seinen Tiefgang und seinen Facettenreichtum.

Die Musik, die auf einem Instrument, inbesondere einem so „vielsaitigen“ Instrument wie Klavier und Flügel, wiedergegeben wird, verändert sich mit dessen Stimmung. Sie kann bei einer vorzüglichen Stimmung sehr viel gewinnen, so wie bei kümmerlicher Stimmung ihr Sinn verlustig gehen kann. Eine sterile, platte, unpräzise oder reizlose Stimmung kann die Freude am Instrument sehr schmälern, so wie eine gute Stimmung Begeisterung für das Musizieren stützen kann.

Wie kaum eine andere ist das Stimmen eine Kunst auf kurze Dauer. Das Instrument in seinen lebendigen Materialien verändert die präzise Tonabstimmung ab dem ersten Tage. So ist die höchste Aufgabe für den Stimmer auch, seiner Stimmung die größtmögliche Haltbarkeit zu geben. Hieran wird sich der wirklich gute Fachmann beweisen können, der das Instrument - sofern es die technischen Voraussetzungen mitbringt - so zu behandeln weiß, dass es auch nach Wochen und Monaten noch in einem gefälligen Ton steht.

Dieses Wissen um die Bedeutung der Stimmung ist bei Pianisten durchaus verbreitet, in der Allgemeinheit jedoch wird dieser Beruf häufig unterschätzt, sowohl von Instrumentenbesitzern wie auch von manchen Stimmern selbst. Ein leidlich korrekt tönendes Instrument wird niemanden zu begeistern wissen, und ein schlecht bezahlter und damit gering geschätzter Stimmer wird nicht mehr als eine solche leidliche Stimmung hervorbringen können oder wollen. In kaum einem Lebensbereich ist die Priorisierung ökonomischer Aspekte so widersinnig und abträglich wie in der Kunst.

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