Klavierbau in Dresden

Obwohl heute in Dresden kein einziger Klavierhersteller mehr ansässig ist, besitzt die Stadt eine Geschichte im Klavierbau. Durch ihren Position als Kunst- und Kulturmetropole mit besonders augeprägtem Musikleben, das sich bereits im Mittelalter entwickelte, war der Instrumentenbau in Dresden immer reich vertreten. Zu Zeiten des 17, 18 oder frühen 19. Jahrhunderts, als jedes Instrument - ob Violine, Kirchenorgel, Blockflöte oder Tafelklavier - noch eine Einzelanfertigung eines Handwerkers war, schuf das Interesse und die Nachfrage nach Instrumenten in einer musikalischen Stadt auch eine blühende Instrumentenbauer-gemeinde.

Die Vorfahren unserer heutigen Klaviere und Flügel wurden bis Mitte des 19. Jahrhunderts überwiegend von Einzelpersonen gefertigt - Handwerker und Handwerkskünstler, die ein Clavichord, ein Tafelklavier oder ein Cembalo in reiner Handarbeit allein aus einem Stapel Holz herstellen konnten. Viele arbeiteten nur mit einem oder wenigen Gesellen zusammen, oft nur mit den Söhnen des Meisters. So zahlreich diese Instrumentenbaukünstler um 1830 herum vertreten gewesen sein mussten, so wenig ist heute von Ihnen noch nachweisbar. Kaum ein Instrument ist erhalten geblieben, allein kurze Namenserwähnungen in Gewerbeurkunden oder Einträge in Auktionsregistern zeugen heute noch von jenen Kunsthandwerkern. Nur von einigen wenigen, wie beispielsweise Ernst Rosenkranz, ist mehr überliefert.

Lageplan piano Muehl felsenkeller Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Instrumente immer größer und komplexer wurden, fanden sich erste größere Firmen zusammen. Der gestiegene Materialaufwand, die die Fortentwicklung der Tasteninstrumente mit sich brachte, wie auch deren Vergrößerung und der damit steigende Kraftaufwand, forderten Arbeitsteilung und Zusammenarbeit. Die Konzertflügel, die am Ende dieser Periode entstanden, hätten kaum je von einer Person allein hergestellt werden können. Wie also einerseits das Instrument größeren Aufwand in seiner Herstellung einforderte, trieben auch die technischen Fortschritte in der Herstellung die Entwicklung von Klavier und Flügel weiter voran. Die Pianofortefabrik Carl Rönisch, 1845 in Dresden gegründet, ist hierfür ein hervorragendes Beispiel (siehe Bild rechts, Anzeige von 1890). Carl Rönisch begann als allein arbeitender Klavierbauer, der bereits in den ersten Jahren neue Arbeiter einstellte und 40 Jahre später eine Pianofortefabrik von über 200 Arbeitern aufgebaut hatte. In dieser ersten Zeit blieb Rönisch auch stets auf dem neuesten Stand der Technik und brachte sogar 1866 die Erfindung der gepanzerten Gussplatte in den Klavierbau ein, die bis heute den Standard in der Stimmstockkonstruktion darstellt.

In der Zeit um die Jahrhundertwende waren in Dresden einige Dutzend Klavierhersteller aktiv, von großen Fabriken wie Rönisch oder Wolfframm bis hin zu kleineren Manufakturen oder Kleinstbetrieben. In fast jedem Stadtteil gab es eine oder mehrere Klavierfabriken, teilweise konzentrierten sich mehrere Firmen in einem Straßenzug, in dem Pferdefuhrwerke sowohl das Konstruktionsholz wie auch die fertigen Instrumente über Pflastersteine bewegten. Daneben entstanden noch die Lager, Magazine und Läden, in dem manche Hersteller ihre Instrumente dem Kunden anboten - viele dieser Geschäfte konzentrierten sich in der Altstadt, besonders in der Seestraße. In der ganzen Dresdener Innenstadt waren Klaviere und Flügel ständig präsent, nicht nur zum Kauf angeboten, sondern auch als das Musikinstrument schlechthin, das in jeder Kneipe stand, in jeder Wohnung, als Grammophon und Radio gerade erst aufkamen, aber noch nicht umfassend Einzug gehalten hatten. Auf Ausstellungen wurden Klavieren und Flügeln von herausragender Konstruktion und Musikalität Medaillen verliehen. Der gesamte Klavierbau erreichte seine absolute Blütezeit, in Dresden ebenso wie in anderen Zentren.

Heute, über 100 Jahre später, ist von den zahlreichen Klavierfabriken und Manufakturen, die teilweise in vorhandenen Industrie- oder Wohngebäuden fertigten, teilweise große Fabrikgebäude selbst errichteten, kaum noch etwas nachweisbar. Nach unseren bisherigen Nachforschungen ist kein einziges Gebäude erhalten geblieben, in dem seinerzeit ein Klavier- oder Flügelhersteller firmierte. Die Angriffe auf Dresden im Februar 1945 ließen mit einem bedeutenden Teil der Stadt auch den Klavierbau nahezu vollständig untergehen. Hatten schon nur wenige Hersteller die Wirtschaftskrise und Jahre später die Plünderung der Industrie zu Rüstungszwecken überstanden, blieben nach 1945 nur eine handvoll Firmen übrig, die die Produktion wieder aufnahmen. Nach bisherigem Kenntnisstand war H. Wolfframm der letzte Hersteller, der sich bis 1970 hielt.

Die besten Zeugnisse des Klavierbaues in Dresden sind die Instrumente, die erhalten geblieben sind. In ihnen spiegelt sich der Zeitgeist wieder: Instrumente von sehr unterschiedlicher Art, Konstruktion und Gestaltung, eine ausgeprägte Vielfalt, jedoch fast immer in vorzüglicher Handwerkskunst gefertigt. Kunstwerke des Instrumentenbaus, die die Handschrift "ihres" Klavierbauers in der äußeren Gestaltung wie auch im Ton tragen; mit einer Kraft, einem Charakter und einer Musikalität, die die meisten unserer modernen Instrumente übertreffen kann.

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